Boulder Wand emportasten, ohne sie zu sehen

Innsbruck – Serafins euphorisches Gebrüll erfüllt den Boulderraum: „Ich hab’s geschafft! Ganz alleine!“ Markus Plankensteiner, der ein Kletter-Leitsystem für Blinde und Sehbehinderte entwickelt hat, musste den sechsjährigen, blinden Jungen auf der vier Meter langen Boulderstrecke lediglich ein wenig sichern.

„Bei diesem System verwenden wir Naturstein- statt Gummigriffen“, erklärt Plankensteiner, der demnächst auch Kletterrouten für Erwachsene zusammenstellen will. Die zweite Besonderheit sind tropfenförmige Scheiben, die hinter den Griffen an die Wand montiert wurden. „An den ,Handscheiben’ kann man ertasten, wo der nächste Griff zu finden ist. An den ,Fußscheiben’ erkennt man, auf welcher Route man sich befindet. So kann man sich die Wand emportasten, ohne sie zu sehen“, erzählt Plankensteiner, der unter einer Farbfehlsichtigkeit leidet.

Gestern wurde das System erstmals in der Kletterhalle Rapoldipark in Innsbruck vorgestellt – als Gemeinschaftsprojekt des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Tirol (BSVT), der Naturfreunde Innsbruck und Plankensteiners Firma planM.

Die ersten Tester waren sieben Tiroler Schüler. „Im Rahmen von drei Kletter-Nachmittagen ging es nicht nur um die Bewegung, sondern auch um die Förderung der eigenen Sicherheit, die Wahrnehmung, Gruppenerfahrung und Stärkung des Selbstwertgefühls. Kinder werden in der Wand mit Ängsten und Herausforderungen konfrontiert und lernen spielerisch damit umzugehen“, schildert Katharina Feichtner-Bramböck, die pädagogische Frühförderin des BSVT. Das selbstbewusste Auftreten, mit dem Severin nach seinem Klettererfolg über die dicke Sicherungsmatte zu seiner Mama stapft, gibt ihr Recht.

Neben mehreren Tiroler Klettervereinen und Schulen hat auch Heiko Wilhelm, Geschäftsführer des Österreichischen Wettkletterverbandes, Interesse an dem System: „Denn es zeigt, dass jeder ohne Grenzen klettern kann, solange er genug Motivation mitbringt.“ (sam)

Quelle: Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 04.11.2015

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